
DIGITALE KOMPETENZ UND RESILIENZ FÜR KINDER
Smartphone, Messenger & Social Media für Kinder.
Als Vater muss ich mich gerade mit dem Thema beschäftigen, wann ein eigenes Smartphone und in welcher Art die Nutzung von Messenger-Diensten und Social Media für Kinder sinnvoll ist.
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Das Handy in der Volksschule
Eltern kennen das bestimmt: Der eigene Nachwuchs kommt in die Volksschule und auf einmal haben die ersten Klassenkollegen ein eigenes Handy. Sobald das erste Handy stolz in der Klasse präsentiert wurde, werden es schnell mehr, vermutlich zu schnell.
Manche bekommen zuerst ein „Tastentelefon“, das nur zum Telefonieren oder Schreiben von SMS genutzt werden kann. Andere steigen sofort in die Welt der Smartphones ein, im Extremfall diverse Social Media Profile inklusive.
Ich habe mich nach mehreren Gesprächen mit anderen Eltern und auf Basis meiner Erfahrung zu den Themen Datenschutz und Sicherheit bei der Nutzung des Internets, diverser Kommunikationsdienste und insbesondere auch von Social Media und Messenger-Diensten mit dem Thema intensiver auseinandergesetzt. Schließlich soll der eigene Nachwuchs als sog. Digital Native nicht bei der sinnvollen Nutzung moderner Technologien ausgebremst werden, aber es sollte doch auch sicher zugehen und die Privatsphäre der Kinder, Freunde und Familienmitglieder geschützt werden.
Wie so oft ist die Antwort nicht rein technisch, sondern verbindet den vernünftigen und vorsichtigen Einsatz von Technologie mit ständigen Sensibilisierungs- und Schulungsmaßnahmen sowie natürlich auch einer entsprechenden Vorbildwirkung.
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IT-Endgeräte in Schulverwaltung
Wenn ich in Erzählungen höre, dass Kinder zu Beginn der Sekundarstufe 1 (Mittelschule / AHS-Unterstufe) von der Schule ein Notebook samt ausgedruckter Passwortliste für die schuleigenen Systeme und Plattformen in die Hand gedrückt bekommen, wachsen meine Befürchtungen, dass die Awarenessbildung rund um Datenschutz und Informationssicherheit im Schulalltag und auch dem neuen Pflichtfach Digitale Grundbildung noch zu kurz kommt.
Wenn diese Passwörter für den Schulbetrieb dann zusätzlich auch nicht geändert werden sollen, ohne die Änderung auf der erwähnten Papier-Passwortliste einzutragen, weil ja unter Umständen Lehrkräfte diese zum Support der Schüler benötigen könnten, manifestieren sich meine Befürchtungen in konkreten Risiken. Denn dann wird mit Vorbildwirkung und Schulung genau das Gegenteil davon erreicht, was eigentlich notwendig wäre und für eine sichere digitale Nutzung von Anfang an unbedingt erforderlich ist.
Dann wundert mich auch nicht mehr, warum im Berufsalltag sogar junge Menschen immer noch nicht wissen, wie man sichere Passwörter gestaltet und dass man für jeden Online-Dienst ein eigenes verwenden sollte. Oder auch, dass sie Passwörter immer noch irgendwo notieren, aber keine professionellen Passwort-Manager nutzen. Und Multi-Faktor-Authentifizierung ist für viele leider immer noch ein Fremdwort.
Ich muss mir auf jeden Fall jetzt schon gut überlegen, wie ich reagieren soll, wenn der eigene Nachwuchs mit seiner ersten Papier-Passwortliste aus der Schule nach Hause kommt…
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Online-Dienste unter 13 (14) Jahre
Viele Apps und Dienste im Internet, allen voran Social Media und Messenger-Dienste, verlangen ein gewisses Mindestalter von ihren Nutzern. Davon kann man grundsätzlich halten, was man möchte, allerdings bietet es meiner persönlichen Einschätzung nach einen gewissen Hinweis darauf, was der Betreiber alles mit den Daten seiner Nutzer anstellen möchte und wie gut er die Nutzer schützen will.
Liegt das Mindestalter für die Nutzer bei 13 Jahren oder höher, kann man auch ohne die in der Regel sehr langen Nutzungsbedingungen und Datenschutzerklärungen zu lesen, davon ausgehen, dass die Nutzerdaten zumindest für die Erstellung umfangreicher und womöglich sogar plattformübergreifender Nutzerprofile und wahrscheinlich auch für Werbezwecke herangezogen werden. Meta mit seinen Diensten Facebook, Instagram und Whatsapp ist da ein gutes Beispiel.
Das Alter von 13 Jahren resultiert bei US-Firmen aus dem Children’s Online Privacy Protection Act, der in den USA regelt, wie die Betreiber von Online-Plattformen mit den Daten von Kindern unter 13 umzugehen haben. In Österreich wird durch das Datenschutzrecht die Personengruppe der Kinder bis 14 (genauso wie Arbeitnehmer in Unternehmen oder Patienten im Gesundheitswesen und viele weitere) als besonders schützenswerte Personengruppe gesehen.
Unter 14 dürfen Kinder noch dazu nicht selbst in die sie betreffenden personenbezogenen Datenverarbeitungen einwilligen. Und Nutzungsverträge, mit denen die Einräumung umfangreicher (und oftmals unbedingt “ notwendiger“…) Nutzungsrechte der eigenen persönlichen Informationen an den Plattformbetreiber einhergehen, dürfen sie auch noch nicht abschließen.
Da (US-)Big-Tech-Unternehmen mit den Daten ihrer Nutzer ihr Geld verdienen, wären Kinder unter 13 bzw. 14 somit mehr Risiko als Nutzen. Denn da ist rechtlicher Ärger oder übermäßiger Aufwand vorprogrammiert, und das wollen sich viele Plattformbetreiber schlicht nicht antun.
Durch die in den Nutzungsbedingungen niedergeschriebene Altersgrenze wälzen sie die Verantwortung auf die Eltern und Erziehungsberechtigten ab – denn registrieren können sich die Kleinen unter 13 bzw. 14 in den meisten Fällen natürlich weiterhin, es gibt kaum technische Sperren.
Auch Schutzmaßnahmen (z.B. gegen Belästigung durch Erwachsene oder ähnliches) brauchen dann aufgrund der definierten Altersgrenze nicht umgesetzt werden. Tummeln sich die Kleinen trotzdem entgegen der Nutzungsbedingungen auf der Plattform, sind sie ungenügend geschützt und die Verantwortung liegt praktischerweise wieder bei den Eltern bzw. Erziehungsberechtigten.
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Mein persönliches Fazit für mich und meine Familie
Ein gesunder und begleiteter Umgang mit digitalen Geräten und Medien macht bei Kindern sehr früh Sinn. Aber zu Beginn nur örtlich begrenzt zu Hause, z.B. über einen Stand-PC, ein Notebook oder ein Tablet der Eltern. Alleine lassen kann man Kinder damit erst nach entsprechender Sensibilisierung auf die Gefahren bei der Nutzung und auch nur für ganz konkrete Aktivitäten.
Beispielsweise sollten zuerst nur die aus der Schule bekannten Lernapps genutzt werden, die bekannten und von den Eltern abgesegneten Filme und Serien in der entsprechenden Streaming-App aufgerufen oder altersgerechte Spiele gespielt werden.
(US-)Social Media und Big-Tech-Messenger-Dienste, wie z.B. die Meta-Services, werden noch Zukunftsmusik (14+ Jahre) bleiben müssen. Davor kann zum Kommunizieren aber die gute alte SMS genutzt werden. Auch beim Messenger Signal gilt das Mindestalter von 13 Jahren laut Nutzungsbedingungen. Doch hier können Eltern – aufgrund des deutlich datenschutzfreundlicheren Designs und des Betriebs durch eine gemeinnützige US-Stiftung statt durch profitorientierte Big-Tech-Konzerne – aus meiner Sicht eher über diese Altersgrenze hinwegsehen und die Einwilligung zur Nutzung für Ihre Kinder geben – wenn diese die entsprechende Reife besitzen, um das Tool verantwortungsbewusst einzusetzen. Signal kann einfach und vor allem deutlich fördernder für die Privatsphäre der Kinder eingesetzt werden. Aber Achtung: Auch dort könnten Wildfremde die Kinder anschreiben, wenn diese Kinder ihre Telefonnummer bzw. Signal-Benutzernamen allzu unbedarft weitergeben oder verlieren…
Den korrekten Umgang mit Passwörtern, das Erstellen und richtige Verwenden sicherer Passwörter, die Nutzung von Multi-Faktor-Authentifzierung und geeigneter Passwort-Manager kann man nicht früh genug erlernen. Diese Basismaßnahmen zur sicheren Nutzung digitaler Dienste müssen rasch und nachhaltig verinnerlicht werden. Dann können wir gemeinsam vielleicht auch für die Zukunft verhindern, dass im Schulalltag Passwortlisten auf Papier in Schultaschen und Federpenalen herumflattern. Lehrkräften fehlt heutzutage leider immer noch oft das Bewusstsein für die enorme Wichtigkeit von Basis-Sicherheitsmaßnahmen in der IT und wenden diese dementsprechend auch selbst nicht an.
Deshalb wird es bei uns zu Hause voraussichtlich wie folgt ablaufen:
- Das erste Handy wird es zu Beginn der Sekundarstufe 1 geben, also mit 10 Jahren.
- Es wird ein gebrauchtes Smartphone sein, aber noch jung genug, damit noch regelmäßige (Sicherheits-)Updates für das Betriebssystem und Apps veröffentlicht werden. Zur Beschaffung gebrauchter Elektronik empfehlen sich entsprechende Shops wie z.B. refurbed, mit dem wir bereits gute Erfahrungen gemacht haben.
- Wir werden natürlich die verfügbaren Kontrollmaßnahmen für die Geräte von Kindern nutzen. Bei uns ist die gesamte Familie im Apple-Ökosystem unterwegs, also wird es die Apple Kindersicherung über die Familienfreigabe. So ist kontrollierte, begleitete und für die Zukunft skalierbare Selbständigkeit mit dem Endgerät und der Nutzung digitaler Dienste möglich (z.B. Anforderung und Freigabe von Nutzungsrechten zu neuen Apps, Altersbeschränkungen für Apps und Inhalte, uvm.). Aber auch in der Android-Welt gibt es Mittel und Möglichkeiten, wie ein Heise Artikel aufzeigt.
- Neue Apps werden vor der Freigabe und Nutzung gemeinsam besprochen, genauso wie die Nutzung von Suchmaschinen und der Umgang mit deren Ergebnissen oder die Nutzung von Tools zur generativen KI.
- Signal wird als Messenger-App trotz der üblichen US-Altersgrenze von 13 Jahren für den Nachwuchs freigegeben, da hier das Risikopotenzial im Vergleich zum Mitbewerb immer noch deutlich kleiner ist und die Familie ebenfalls bereits Signal nutzt.
- Wir werden einen Passwort-Manager mit Familienfreigabe nutzen. Damit kann der Nachwuchs seine eigenen Passwörter verwalten, aber wir Eltern haben über die Administrations- und Freigabefunktionen ebenfalls Zugriff und können bei Bedarf assistieren bzw. eingreifen.
- Wir werden regelmäßig die notwendigen Security-Basics durcharbeiten, vorleben und abfragen, wie z.B. die…
- Erkennung von sicheren / unsicheren Webseiten,
- sichere Nutzung von E-Mail und Erkennung von gefälschten Absendern,
- Gefahren von Kontaktaufnahmen Fremder,
- Nutzung von Signal und SMS zur Kommunikation mit Familie und Freunden,
- Erstellung von Fotos / Videos und Beachten des Urheberrechts sowie des Rechts am eigenen Bild,
- Gefahren bei der Übermittlung oder Veröffentlichung von Fotos / Videos oder weiteren persönlichen Informationen im Internet
- Wir werden auch gemeinsam und wiederkehrend entsprechende für Kinder aufbereitete Schulungsunterlagen durcharbeiten. Solche gibt es beispielsweise unter anderem hier:
- Empfehlungen für Online-Spiele zur Cybersicherheit für Kinder auf onlinesicherheit.gv.at
- Infos, Tipps und Tricks für den sicheren Umgang mit Handy und Internet von Saferinternet.at
- Medienpakete „Cybersicherheit für 10-14-Jährige“ vom deutschen Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik
Vielleicht helfen diese Gedanken ja anderen Eltern auch bei der Einordnung zum ersten Smartphone und dessen Nutzung und wie erhöhen gemeinsam die digitale Resilienz unserer Kinder.
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Ein Ausblick
Eine Regulierung der Social Media Nutzung durch Kinder war immer wieder mal Thema und nimmt nun aber in einigen Ländern Fahrt auf:
- In Australien ist ein Social Media Verbot für unter 16-Jähirge bereits in Kraft.
- Großbritannien wird wohl bald dem australischen Vorbild folgen und Social Media ebenfalls erst ab 16 freigeben.
- Das französische Parlament hat mit großer Mehrheit für ein Verbot der Social Media Nutzung für unter 15-Jähirge gestimmt.
- Und auch in Österreich wird seitens Regierung kommuniziert, dass ein Social Media Verbot für Kinder unter 14 Jahren kommen soll. Es wird sogar davon gesprochen, dass es bereits mit Start des Schuljahres 2026 / 2027 in Kraft treten soll. Wie dabei jedoch die praktische und insbesondere auch technische Umsetzung erfolgen soll, steht aber wohl noch in den Sternen…
- Auch auf EU-Ebene wird dieses Thema in nächster Zeit sicherlich in Angriff genommen werden und weitere Staaten werden wohl folgen.
